Rückblick
10. März 2025 | NATIVES

Mut zur Entscheidung oder sich selbst im Weg stehen?

Was Unternehmen von der Feuerwehr lernen können

(Bielefeld, 10. März 2025) Es ist eine Veranstaltung der besonderen Art. „Als Einsatzleiter bei der Feuerwehr und Fachberater für Psychotraumatologie hat er viel Erfahrung mit extrem schwierigen Situationen“, stellt Programmplaner Nils Hensdiek den Gast des Abends vor. Günter Nuth ist dafür eigens aus Düsseldorf angereist, um den Mitgliedern und Gästen des Marketing Clubs anschaulich und praxisnah zu vermitteln, wie wichtig es ist, Entscheidungen schnell zu treffen.

„Ich habe ein Bild im Kopf“, beginnt Günter Nuth seinen Vortrag. „Ein Wohnungsbrand, Rauch quillt aus dem Fenster im 3. Stock. Ich muss alles im Blick haben. Ein Team mit Leiterwagen hochschicken, checken, ob Menschen in der Wohnung und im Flur sind. Wir gehen rein, robben vorwärts, über uns die Flammen. Habe ich an alles gedacht? In Bruchteilen von Sekunden muss ich Entscheidungen treffen, die lebensrettend sein können“, sagt er und wendet sich an das Publikum: „Sie treffen tagtäglich Entscheidungen, die unternehmensrettend sein können.“

Menschen zu finden, ist unheimlich … schön

Günter Nuth schildert eine Situation, in der er mit einem Kollegen in einer brennenden Wohnung ohne Sicht zwei Kinder finden muss. Die Mutter steht verzweifelt vor dem Haus und schreit. Der Druck ist enorm. Hinzu kommt die Angst um die eigene Sicherheit. Besteht eine Einsturzgefahr, habe ich genug Luft? „Ja, ich habe Angst“, räumt er ein. „Und das ist gut so, denn sie hilft mir, total aufmerksam zu sein. Ich nehme den Mut an rechte und die Angst an die linke Hand. Robbe durch die Wohnung, treffe dabei immer Entscheidungen. Gehe ich zuerst nach links oder rechts? Entscheide ich mich falsch komme ich vielleicht zu spät. Aber ich muss eine Entscheidung treffen, denn sonst habe ich gar keine Chance, die Kinder zu retten. Bald schon spüre ich unter meinem Knie einen Legostein, Wir sind im Kinderzimmer angelangt. Wir finden die Kinder, die sich unter einer Decke in einer Ecke des Zimmers versteckt haben, reißen sie hoch und bringen sie runter zu ihrer Mutter. Menschen zu finden, ist unheimlich … schön.“

Hemmschuh Angst

Jeder von uns kennt Angst. Die Angst, Fehler zu machen. Zu versagen. „Aber die Angst darf uns nicht beherrschen. Wir entscheiden im Hier und Jetzt“, betont der erfahrene Einsatzleiter. „Wir entscheiden selbst, bewusst und im Sein.“ Häufig wird im Unternehmensalltag sehr viel Zeit mit endlosen Besprechungen und Meetings vergeudet. Oder es fällt der Satz: Wir müssen noch mal darüber schlafen. Hier sieht Günter Nuth einen entscheidenden Anknüpfungspunkt, an dem Unternehmen von der Feuerwehr lernen können, denn häufig werden Unternehmensentscheidungen unnötig aufgeschoben. „Wir haben nie alle Informationen, um eine Entscheidung zu treffen, aber es muss gehandelt werden, weil sich sonst nichts tut“, unterstreicht er. Im Einsatz – wenn beispielsweise ein schwerverletzter Mensch reanimiert wird – gilt die 10 Sekunden-10-Minuten-Regelung. Tritt ein Problem auf, wird das ganze Team zu einer kurzen Unterbrechung von 10 Sekunden aufgefordert. Alle hören zu, die Situation wird analysiert und Informationen werden zusammengetragen. Dann geht es für die nächsten 10 Minuten weiter. „In einem Meeting könnte man eine 1-20-Regelung anwenden. 1 Minute wird aufgewendet, um das Thema für die nächsten 20 Minuten klar einzugrenzen. Danach erfolgt ein Break. Zielführend kann es sein, für die Lösung eines Problems nur die besten zwei Handlungsalternativen zu diskutieren.

Gute Fehlerkultur

„In Deutschland tendieren wir dazu, unseren Fokus auf die Fehler zu legen und nicht das zu betonen, was gut gelaufen ist“, stellt Günter Nuth fest. „Es ist wichtig, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, dass man sich die Entscheidung nicht leichtgemacht hat und dass niemand es vermag, in die Zukunft zu sehen. Und  ganz wichtig – sich selbst Fehler zu verzeihen.“ Bei einem  Einsatz ist Günter Nuth ein Fehler unterlaufen. Bei einem Kellerbrand in einem Mehrfamilienhaus hat er an alles gedacht, nur nicht daran, dass der Aufzug überprüft werden muss. Nach bangen

20 Minuten dann die Entwarnung – es waren keine Menschen im Fahrstuhl. „Ich habe nach dem Einsatz eine Dienstbesprechung einberufen und meinen Fehler zugegeben. Und meine Leute aufgefordert, mir zu sagen, wenn ich etwas übersehen habe. Dass ich das gemacht habe, hat im Team zu einer grandiosen Zusammenarbeit geführt. Fehler lassen uns reifen“, so sein Fazit.

Empathie gefragt

Bei der Feuerwehr ist die Teamarbeit entscheidend. Das ist in Unternehmen nicht anders. Um ein gutes Miteinander zu erreichen, braucht es ein Gespür, wie es dem Kollegen oder der Kollegin geht. Auch im Umgang mit persönlich schwierigen Situationen, wie einer ernstzunehmenden Erkrankung. „Wenn ein Kollege von seiner Krebsdiagnose berichtet, braucht er vor allem Menschen, die ihm aktiv zuhören“, so Günter Nuth. Viele Menschen sind unsicher, wie sie auf eine solche Nachricht reagieren sollen. Der Feuerwehrmann rät zu Ehrlichkeit: „Ich habe keine Lösung, aber ich bin da, wenn du mich brauchst.“

Ein im Unternehmen zusammengestelltes Krisenteam kann Strategien für Notfälle erarbeiten. Die Mitglieder des Teams werden u. a. in den Grundlagen der Kommunikation, Erkennen z. B. Burnout oder PTBS geschult und erarbeiten Hilfesystemen und Meldeketten. „Bei den Feuerwehren und im Rettungsdienst gibt es seit ungefähr zwanzig Jahren PSNV (Psychosoziale Notfallversorgung) für Einsatzkräfte nach Extrem-Situationen. Miteinander reden und die Emotionen auffangen, um arbeitsfähig zu bleiben sowie in Trainingseinheiten auf schwierige Lagen vorbereitet zu werden, das leistet ein solches Akuthilfe-Krisenteam“, berichtet der Einsatzleiter, der als Fachberater für Psychotraumatologie bereits mehr als 900 Einsatzkräfte nach beklemmenden Unglücks-Eindrücken betreut hat. Wie beispielsweise im März 2015 nach dem Absturz der Germanwings-Maschine, als die Angehörigen am Düsseldorfer Flughafen auf Nachrichten warteten, ob es Überlebende gegeben hat. „Angehörige brauchen in dieser Situation Informationen und jemanden, der ihnen die Hand hält. Auch in Unternehmen kann es zu schlimmen Unfällen kommen und darauf sollte man vorbereitet sein. „Dazu braucht man etwa zehn empathische Mitarbeitende und ein dreitägiges Training“, sagt Günter Nuth.

Für den Ernstfall gut aufgestellt

Der Geschäftsführung kommt bei einem Schadensereignis, z. B. eine Explosion in einer Werkshalle, eine besondere Rolle zu. Sie muss „im Kopf vor der Lage sein“, wie der Einsatzleiter und Trainer es nennt. Hierzu müssen im Vorfeld die Abläufe und Rollen klar definiert werden. Der Geschäftsführer leitet den Krisenstab im eigenen Unternehmen, die Personalabteilung unterstützt bei der Ermittlung von Kontaktdaten, der Facility Manager sorgt für die Aufrechterhaltung technischer Dienste, das Akuthilfe-Krisenteam ist für den empathischen Umgang mit den Betroffenen da. Außerdem sollte geregelt sein, wer im Falle eines Falls die Todesnachrichten überbringt und wer die Pressearbeit zum Schadensereignis übernimmt. „Es gibt schon einige Unternehmen, die Akuthilfe-Teams installiert haben. Bei der Condor sind beispielsweise Special Assistance Teams im Einsatz, wenn auf einem Flug jemand verstirbt und die Nachricht den Angehörigen überbracht werden muss. Bei der Sparkasse gibt es ein Team, das sich unmittelbar nach einem Banküberfall um die Angestellten kümmert, die unter Umständen mit einer Waffe bedroht wurden.“

Nach diesem Abend steht fest: Unternehmen können von Feuerwehr lernen. Entscheidungen schneller zu treffen und wie man mit Menschen, die Extrem-Situationen erlebt haben, umgehen sollte. Bei einem Imbiss wurde noch lange weiter diskutiert.

Text: Eike Birck

Fotos: Sarah Jonek